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Rettungskräfte: gestresster als angenommen

Rettungskräfte sind häufig akuten Stressoren ausgesetzt, scheinen diesen jedoch häufig zu ignorieren. Das kann schädlich sein und zu stressbedingten Krankheiten führen. In einer Studie wurde daher die Diskrepanz zwischen der von den Rettungskräften berichteten Stressreaktion und der tatsächlich gemessenen körperlichen Stressreaktion untersucht.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass bei den Rettungskräften die körperlichen Stresswerte, gemessen durch das Stresshormon Cortisol, bereits am Morgen eines Arbeitstags höher waren als bei Büroangestellten. Weiterhin wurde eine Veränderung von Immunparametern, die mit Stress in Verbindung gebracht werden, nicht nur an Arbeitstagen, sondern auch während der freien Tage, beobachtet. Die EKG-Aufzeichnungen während einer kompletten 24-Stunden-Schicht dokumentierten auch akuten Stress bei Rettungskräften auf dem Weg zu den Rettungseinsätzen. Trotz der physiologisch gemessenen höheren Stresswerte berichteten Rettungskräfte bei der Befragung subjektiv signifikant über weniger Stress als Büroangestellte. Allerdings erreichten die Rettungskräfte höhere Werte auf der Skala Depersonalisierung – einer Facette von Burnout.

Außerdem offenbarte die Studie, dass Stressoren im Rettungsdienst mit einem Anstieg von Sorgen, sozialer Isolation, Irritation und negativem Affekt sowie zu einem verringerten Flow-Erleben während der Arbeit, weniger Freude und einem schlechteren Abschalten von der Arbeit zusammenhängen. Diese Ergebnisse unterstreichen daher die Bedeutung der Entwicklung von Interventionen zur Stressbewältigung für Rettungskräfte, einschließlich der Sensibilisierung für ihre Stressreaktionen.

Referenz:
TU Dortmund, Ruhr-Universität-Bochum, Uni Lübeck, Uni Bremen, MSH
Low self-reported stress despite immune-physiological changes in paramedics during rescue operations. EXCLI Journal 2021; https://doi.org/10.17179/excli2021-3617

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Künstliche Beatmung über den Darm?

Der Kampf seines Vaters gegen eine Lungenerkrankung brachte Dr. Takanori Takebe von der Tokyo Medical und dem Cincinnati Children’s Hospital Medical auf die Idee, neue Methoden für eine künstliche Beatmung zu suchen. Ein Blick ins Tierreich diente ihm dabei als Inspiration. So ist bekannt, dass gewisse Fische, wie etwa Schmerlen, an die Wasseroberfläche kommen, um Luft zu schnappen, wenn es mit der Kiemenatmung knapp wird. Das sie keine Lungen besitzen, nehmen Sie den so gewonnen Sauerstoff über den Darm auf.

Sein Forschungsteam wies nun nach, dass dies auch für Säugetiere wie Mäuse, Ratten und Schweine gilt. Reduziert man die Sauerstoffzufuhr der Versuchstiere und führt ihnen diesen in Gasform in den Darm ein, wird dieser ähnlich wie bei den Fischen aufgenommen. Um die Sauerstoffaufnahme zu verbessern, musste dafür allerdings erst die Darmschleimhaut „vorbereitet“ werden, indem zuvor eine Entzündung hervorgerufen wurde.

Da diese Methode nicht auf den Menschen übertragbar ist, wurde den Tieren in einem zweiten Versuch, Sauerstoff in flüssiger Form zugeführt. Mit dem Ergebnis, dass beide Experimente zum Erfolg führten. Die „rektale Beatmung“ ermöglichte es den Tieren einen Sauerstoffentzug der Lunge zu überleben. Dass das Verfahren so gut funktioniert, überraschte sogar die Forscher: „Es war wirklich erstaunlich zu sehen, dass sich die Tiere vollständig von der sehr schweren Hypoxie erholten, so Takebe.

Die neue Beatmungstechnik könnte jetzt auch Menschen zugutekommen. So könnte die Sauerstoffversorgung bei Patienten mit Atemnot auf diese Weise unterstützt werden. Auch im Fall eines Mangels an Beatmungsgeräten, wie er derzeit in einigen Ländern wegen der Corona-Pandemie herrscht, könnte der innovative Ansatz zum Zug kommen.

Referenz:
Tokyo Medical (TMDU), University of Cincinnatti
Mammalian enteral ventilation ameliorates respiratory failure, Med 2021; https://www.cell.com/med/fulltext/S2666-6340(21)00153-7?utm_source=EA

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Wasserroboter könnte Ertrinkende retten

Noch immer ertrinken zu viele Menschen beim Schwimmen. Die meisten davon in Binnengewässern, aber auch in Schwimmbädern kam es zu Unfällen mit tödlichem Ausgang kommen. Ein weltweit einzigartiger Wasserroboter, der zukünftig das stromlinienförmige Design eines Rochens aufweisen soll, könnte nun jedoch Bademeistern und Rettungsschwimmern zur Seite stehen und Schwimmende in Not retten.

„Es gibt typische Körperpositionen, an denen man erkennt, dass sich jemand in Gefahr befindet,“ erklärt Forschungsleiter Helge Renkewitz vom Fraunhofer Institut IOSB. An der Hallendecke angebrachte Überwachungskameras können die Bewegungsmuster und Position des Ertrinkenden im Becken registrieren und die Koordinaten an den Roboter schicken. Hat das Fahrzeug sein Ziel erreicht, ortet es mithilfe von Kameras die gefährdete Person und befördert diese an die Wasseroberfläche. Eine Fixier- und Fangvorrichtung verhindert, dass leblose Körper beim Auftauchen herunterrutschen.

An Badeseen übernehmen Flugdrohnen und Zeppelinsysteme die Aufgabe der Überwachungskameras. Diese lassen sich problemlos mit Kameras ausstatten. Für die Rettung im Badesee, wo das Wasser trüb ist, muss das Unterwasserfahrzeug anstelle von optischen mit akustischen Sensoren ausgestattet sein. Mithilfe des Echos der Schallwellen lassen sich Lage und Ausrichtung von Personen so exakt bestimmen, dass der Roboter die Zielperson autonom ansteuern und aufnehmen kann.

Ein in drei Metern Tiefe abgelassener, 80 Kilo schwerer Dummy wird vom Rettungsroboter innerhalb von zwei Minuten aufgenommen und an ein inzwischen von diesem automatisch verständigtes Rettungsteam übergeben. „Verunglückte müssen innerhalb von fünf Minuten reanimiert werden, um dauerhafte Schäden auszuschließen. Diese kritische Zeitspanne konnten wir problemlos einhalten,“ so Renkewitz.

Referenz:
Fraunhofer IOSB
Pressemeldung Fraunhofer: Autonomer Wasserroboter rettet Ertrinkende, 1.3.2021; https://www.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/2021/maerz-2021/autonomer-wasserroboter-rettet-ertrinkende.html

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Chirurgie Intensivmedizin Notfallmedizin Telemedizin Wissenschaft

Hypnose nimmt Angst auf der Intensivstation

Wer intensivmedizinische Hilfe in Anspruch nehmen muss, leidet nicht nur unter den physischen Symptomen der Krankheit, sondern häufig auch unter enormer Angst. Schmerzen, Kontrollverlust, Todesangst und die ungewohnte, sterile Umgebung verursachen Stress und sogar Depressivität. Hypnose kann die Folgeschäden der Stresserfahrung deutlich reduzieren, belegen Untersuchungen von deutschen Psychologinnen.

In ihrer Studie konzentrierten sie sich besonders auf Erkrankte, die nicht-invasiv – also mit einer Atemmaske – beatmet werden müssen. Diesen ungewohnten Vorgang nehmen Patienten sehr häufig als bedrohlich, unangenehm und stressauslösend wahr. Nach der nur 15 Minuten andauernden Intervention während der Beatmung stellten die Jenaer Wissenschaftlerinnen fest, dass der Stress der Patienten signifikant reduziert, ihr Wohlbefinden verbessert und physiologische Werte wie Atemfrequenz und Herzrate positiv beeinflusst waren. Die Psychologinnen nutzten auch das besondere Umfeld der Intensivstation und deuteten störende Reize positiv um. So sind piepsende Monitore keine angsteinflößenden Geräusche mehr, sondern Zeichen dafür, dass sich hier sehr gut um die Patienten gekümmert wird und alles dafür getan wird, damit sie so schnell wie möglich wieder gesund werden.

Um in der aktuellen Corona-Situation Intensivstationen zu unterstützen und Patienten die suggestive Therapie per Kopfhörer zukommen zu lassen, wurde der verwendete Text freigegeben. Ungarische Forscher erzielten damit bereits sehr gute Ergebnisse. So konnten sie etwa die Dauer des Aufenthalts auf der Intensivstation und der künstlichen Beatmung dank der Suggestion verkürzen. Dies, obwohl die Probanden den Text nur vom Band hörten.

Referenz:
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Universitätsklinikum Jena
Hypnotic suggestions of safety improve well-being in non-invasively ventilated patients in the intensive care unit: results of a pilot study, Intensive Care Medicine 2021, https://link.springer.com/article/10.1007/s00134-021-06364-8

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Notfallmedizin Wissenschaft

Wenn Tote wieder auferstehen

Das als „Lazarus-Phänomen“ bekannte Ereignis, dass Patienten bei denen nach einer Wiederbelebung durch Notfallmediziner keine Lebenszeichen mehr vorhanden sind, plötzlich, Minuten später und ohne Zutun von aussen, wieder Lebenszeichen von sich geben, haben laut publizierten Umfragen bereits 40-50% der Intensivmediziner erlebt.

Ein internationales Team aus Notfallmedizinern des University Hospitals Morecambe Bay Trust (UK), des Universitätsspitals Lausanne (CH), des Bozner Forschungszentrums Eurac Research (I) und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg (A) hat nun zum ersten Mal alle in der medizinischen Fachliteratur publizierten Fälle – 65 seit 1982 – systematisch analysiert. Die Fälle beziehen sich nicht auf eine Wiederbelebung durch Laien.

Von den untersuchten Fällen hat ein Drittel den Kreislaufstillstand überlebt, 82 Prozent davon ohne neurologischem Dauerschaden. „Auch wenn es wenige scheinen, sind die Konsequenzen doch beträchtlich, wenn man an das medizinische Personal, die Angehörigen, die rechtlichen Konsequenzen und die tägliche Anzahl der Patienten denkt, die Wiederbelebungsmaßnahmen benötigen“, meinen die Autoren und schlagen eine Reihe von Empfehlungen vor. Die Wichtigste: Nach Beenden einer Herz-Lungen-Wiederbelebung soll ein Patient noch mindestens zehn Minuten mithilfe eines Elektrokardiagramms beobachet und überwacht werden. Denn bei den 65 dokumentierten Fällen traten die Lebenszeichen im Durchschnitt nach fünf Minuten auf, die meisten innerhalb von zehn Minuten.

Referenzen:
University Hospitals of Morecambe Bay NHS Foundation Trust, Universität Lausanne, Eurac Research, Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg

Autoresuscitation (Lazarus phenomenon) after termination of cardiopulmonary resuscitation – a scoping review, Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergency Resuscitation; 2020, 28 DOI: https://sjtrem.biomedcentral.com/articles/10.1186/s13049-019-0685-4

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